DenkRäume "Lesben machen Geschichte" – Vortrag von Irene Franken

denkraeume-IMG_1207

Am Freitag, den 08.04.2011 konnten meine Frau und ich nach langer Pause wieder eine Veranstaltung der Reihe DenkRÄUMEDenkRÄUME ist eine Veranstaltungsreihe im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum, Frankfurt/Main. Frauen sind eingeladen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam zu denken. Bekannte feministische Vordenkerinnen halten Referate und danach gibt es Gelegenheit zum Austausch. im EVA besuchen.

Das Thema hieß „Lesben machen Geschichte“. Als Referentin war Irene Franken eingeladen, Historikerin, Publizistin und eine der Mitbegründerinnen des Kölner Frauengeschichtsvereins.
Weiterlesen

Was war, was bleibt, was ist…

lesbische-geschichteZu meinen Frauenraumszeiten an der Uni hatte ich mich stets ein klein wenig darum bekümmert, irgendwie doch zu spät geboren zu sein. Dieses Gefühl verstärkte sich, umso häufiger ich an anderen Stätten ältere Lesben antraf:
Sie haben soviel erlebt!
Sie konnten soviel bewegen!
Es gab eine Gemeinschaft!
Sie taten etwas!
Sie konnten davon erzählen!
Das ist unsere Geschichte!
Unsere Geschichte?
Und … wie lange wird diese erinnert?

Irgendwann im Laufe des Jahres soll es eine Veranstaltung geben, die so in etwa heißen wird: „Ab morgen werden wir Geschichte sein.“ Ein sehr kräftiger Satz, eine sehr schöne Idee.

Die Frage stellt sich mir nun, können wir das überhaupt?
Was wird erinnert, wie wird erinnert? Wo wird erinnert?
Wer erinnert wen?
Privat, Wichtigkeit, Archiv
Wie öffentlich darf es sein?
Ich habe Frauen erlebt, die Orgas gründeten und nun selbständig in der Beratungsarbeit sind, die sich anscheinend nicht an ihre Vergangenheit erinnern mochten.

Können nicht, wollen nicht, sollten nicht.
Wir leben schließlich immer noch in der allgegenwärtigen Homophobie der Gesellschaft, das darf NIE vernachlässigt werden.

„Große“ Frauen und stille Geschichten

Die Aktivistin Anke Schäfer erhielt im Jahr 2000 das Bundesverdienstkreuz. Aber trotz dieser Medaille kann sie nicht in wikipedia gefunden werden.
Die leider schon verstorbene Hanneliese Richter, eine hier im Rhein-Main-Gebiet ziemlich aktiv gewesene Frau, findet sich nirgends erinnert.

Antje Schrupp hinterfragt zwar die Suche nach „großen“ Frauen in ihrem Artikel Brauchen wir "große Frauen"? Vom Sinn und Unsinn historischer Frauenforschung, aber es ist auf der anderen Seite schlimm, wie schnell Menschen unserer Vergangenheit/ Gegenwart von der Geschichte übersehen werden, weil „wir“ nichts aufheben, tradieren.

Und wenn es doch getan wird, dann ist diese Geschichte meist selektiv, z.B. eine Berliner Szene Geschichte. Ich find’s klasse, dass die Berlinerinnen das tun. Aber es gibt halt auch regionale Unterschiede. Und es gibt großartige Leistungen, die im Süden von Deutschland gemacht werden.

Aber es sind auch die stillen Geschichten, Powergeschichten, die Teil der Lesbengeschichte sind (Monika Barz, Interview mit Monika Barz zum Thema „Lesbische Identität im Lebenslauf“). Deshalb freut es mich, wenn ich von den „stillen Geschichten“, kleine Geschichten des Alltags, hören, lesen kann.

Dokumentation von Ereignissen

Fotografieren, dokumentieren war schon immer ein Hobby von mir. Ich bin unauffällig. Und ein bisschen ein alter Hase, was die Rufe: „Sie fotografiert schon wieder!“ angeht. Denn gerade die, die am lautesten riefen, damals in der Schule, im Darmstädter Frauenzentrum, an der Uni Frankfurt, gerade die wollten dann Abzüge der Fotos haben.

Wir möchten uns dann doch irgendwie erinnern, mutmaße ich mal ganz einfach.

Es ist nicht leicht. Denn „wir“ gehen sehr sensibel mit unseren Daten um. Und ich möchte auch wirklich nicht der Grund für ungewolltes Outing sein. Dennoch versuche ich, im Rahmen des Möglichen Ereignisse zu dokumentieren.

lesben-geschichte

Leitmotiv ist dabei nicht nur mein persönliches Erleben mit den älteren Frauen, sondern auch ein interessanter Absatz im Buch Lesben-Knigge von Celeste West:

Noch tragischer als die Zensur ist, daß ein Großteil der lesbischen Geschichte verlorengegangen ist, weil keine daran gedacht hat, daß sie vielleicht wichtig genug sein könnte, aufgeschrieben und erinnert zu werden – das gilt im Grund für die ganze weibliche Geschichte. Die unglaublich vielfältigen Aktivitäten lesbischer Frauen im Deutschland der Weimarer Zeit zum Beispiel sind fast vollständig vergessen. Der Grund, warum wir soviel über die exquisiten lesbischen Salons des Vorkriegs-Paris wissen, besteht darin, daß Fotos, Korrespondenz und Zeitungen/Zeitschriften erhalten geblieben sind – und eindeutig identifiziert werden konnten!
Was wäre, wenn sie auch Kinofilme gedreht hätten?

Quelle: Celeste West: Lesben-Knigge, Frankfurt am Main 1992, Seite 153

Wichtig notiert sind dann folgende Hinweise von ihr:

  • Unterlagen vor Feuchtigkeit und Licht schützen
  • Zeitungsartikel möglichst kopieren
  • Alles mit Datum versehen, Namen dazuschreiben und welche mit welcher zusammen ist
  • => und dann… Unterlagen einem Archiv zur Verwahrung überlassen

erinnern

* * *

 
Die Tage hörte ich zufälliger Weise diese Stelle im Hörbuch von HP 6:

„Wie tröstlich muss der Gedanke sein, dass auch wenn sie nicht sind, ein Dokument ihrer großartigen Taten erhalten geblieben ist …“

Quelle: Snape in Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Halbblutprinz, Seite 537

Denn, liebe Frauen, ihr seid es euch und mir und ihr und dir wert, erinnert zu werden. :wave:
 

Zeitkapsel Juni 1990

Eine 24jährige berichtet vom Lesbenpfingsttreffen 1990:

IMG_24Freitag, 01.06.1990
10:43 Uhr Eigentlich müßte ich nun von Gleis 7 losfahren. Wird nichts draus; erst mal hat dieser Zug Verspätung und dann fährt er auch noch von Gleis 9 ab. Fröhliches Pfingsttreffen in Tübingen!

Lies weiter → Freitag, 01.06.1990

Habt ihr sie noch alle?

Eure Plaketen, Armbändchen oder Eintrittspapierkärtchen zum Lesbenfrühlingstreffen meine ich. 😉

Buttons und Co. zu Lesbenfrühlingsveranstaltungen Meine Erste

Mein erstes Lesbenpfingsttreffen war vor hundert Jahren, nämlich im letzten Jahrhundert, anna dominae 1988 in Münster.

LFT 1988 in Münster
Mein Lesbenfrühlingszeitstrahl

1988 Münster „Power in der Provinz“
1989 Frankfurt am Main
1990 Tübingen „leidenschaftlich leben“
1991 Mönchengladbach „Lesbisch – na und?“
1992 Bremen „Konsequent un-einig – laute(r) Lesben“
1993 Freiburg „Nieder mit den Mauern – Grenzenlos lesbisch?“
1994 Heidelberg „Lesbisch, eigensinnig, vielfältig.“
1996 München „Und sie bewegt sich doch!“

Die Letzte

Die zuletzt besuchte Veranstaltung, nun hieß sie Lesbenfrühlingstreffen, war 1996 in München.
LFT 1996 in MünchenWieso komm ich jetzt gerade auf das Thema?

Astrid bloggte die Tage „live“ vom Lesbenfrühlingstreffen in Köln auf l-talk.de:

LFT 2009 Köln 1. Tag Freitag, 29. Mai 2009
LFT Köln 2. Tag Samstag, 30. Mai 2009
LFT Köln 3. Tag, Teil 1 Sonntag, 31. Mai 2009
LFT Köln 3. Tag, Teil 2 Sonntag, 31. Mai 2009
LFT Köln, letzter Tag Montag, 1. Juni 2009

Es las sich recht informativ und brachte Nähe zur Veranstaltung und so alte Erinnerungen zurück. :wave:

Vielleicht,
vielleicht bringe ich später ein paar Zeitreisen in diesen Blog. gruebel


Weitere Infos

Zeitkapsel: CSD vor 14 Jahren – 25 Jahre werden gefeiert

Ein Vierteljahrhundert hört sich besser an als dreißig Jahre (1999) oder 35 Jahre (2004). Und so berichtete die Frankfurter Rundschau auch am 28. Juni 1994 begeistert: „Über eine halbe Million Schwule und Lesben zogen durch New York“. In London, Paris und Berlin wurden auch viele Aktionen anlässlich dieses Jahrestages veranstaltet.

Das Jahr 1994 wurde also besonders gefeiert.

(…) die letzten beiden Tage standen bei mir unter dem Zeichen CSD. Manche Lesbe mag ja nicht darn teilnehmen, weil Schwule und Lesben nicht viel gemein haben, und nach Gießen verstehe ich das, aber Köln…

Gießen war schwer schwulendominiert. Und sich dann noch von ihnen sagen zu lassen, daß Lesben mehr an den Vorbereitungen teilnehmen sollen, verärgerte mich sehr. Das Bewußtsein der Schwulen ist für Lesben- bzw. Frauenbelange nicht gerade offen. Und in ihren Ansprachen kam das Wort ‚Lesbe‘ so gut wie nie vor. Aber es gab auch kurzzeitige gute Momente, die leider nicht in den Medien erschienen, in denen Lesben auch beteiligt waren, der lesbisch-schwule Chor z.B.. (…)

Köln war natürlich anders. Das Lesbisch-Schwule Kulturhaus hatte Busse für die Fahrt dorthin besorgt, und der Tag begann schon mit einem Frühstücksbrunch. Es waren zwei Busse, die in Raucherinnen/ Nichtraucherinnen unterschieden wurden – das unterstützte mein Wohlbefinden. Auch wenn es nicht viele Lesben waren (ca. 1/4), es war eine tolle Atmosphäre im Bus. Die Musik nicht übertrieben und ich war völlig aufgekratzt. Es gab zwar leichte Momente des Chaos, aber die sind im allgemeinen Sonnenschein untergegangen (z.B. die Busparkplatzsuche).

Die Stadt des Karnevals lud zum CSD. Es waren massig Leute anwesend. Auf der ‚Kundgebung‘ sprachen sie von 35.000.

Die Parade vorher war mein kleiner Stich, den ich bekam. Es war mir nicht politisch genug. Dauernd kam ich mir wie in einem Karnevalszug vor. Zwar stand am Rand meist lesbisch/ schwules Publikum, aber ich hatte das Gefühl, daß alles sehr ‚oberflächlich‘ war. Es wurde Lebensfreude demonstriert. Und wir sind ein solch‘ lustiges Völkchen. Es gefiel mir einfach nicht. Trotzdem lief ich mit und so ganz wollte ich meine Lebenslust tatsächlich nicht begraben lassen. Es war halt keine Demonstration. (…) Köln (ist) nicht mit Frankfurt vergleichbar.

Quelle: Zeitkapsel 1994

 

______________________________
Anmerkung

Leider können die oben verlinkten Presseartikel nur von „FreundInnen“ angeschaut werden.

 

[ nach oben ]

Hier geht es weiter mit ein paar bildhaften Impressionen von damals:
Weiterlesen

Die Emanzipation kam voran wie eine Schnecke auf dem Glatteis…

… Zitat von Willy Brandt.

Heute jährt sich der 50. Jahrestag des Inkrafttretens des Gleichberechtigungsgesetz.
Hm. Wenn ich den Wortlaut hier so lese, merke ich, warum mir das nicht so wirklich aufgefallen ist… :yawn:
Gut, dass es die Morgenandacht auf HR1 gibt. :>>

Dennoch, das Gesetz war maßgebend und hat viel erreicht.
Auch auf dem Weg zur Renovierung des Scheidungsgesetzes
Und es war schwer durchzubekommen.
Siehe hier:

Wichtig, dass überhaupt etwas in Gang gekommen ist, war der kleine Satz in Artikel 3 GG:
Männer und Frauen sind gleichberechtigt (Quelle: Frauengeschichte).

Und stark gemacht hat sich für diesen Abschnitt im Grundgesetz vor allem Elisabeth Selbert.

Hm. Wobei die Frauen nicht die Langsamen waren, sondern die Umwelt… Ergründe hier die Chronik – Geschichte der Frauen.

Ein bisschen interessant ist auch die Geschichte des Ministeriums auf der Seite des „Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“.

Die Berufstätigkeit der Frau war ständiger Kritik ausgesetzt, auch durch Bundesminister Franz-Josef Wuermeling: „Für Mutterwirken gibt es nun einmal keinen vollwertigen Ersatz.“ „Eine Mutter daheim ersetzt vielfach Autos, Musiktruhen und Auslandsreisen“.

Quelle: a.a.O. bmfsfj.de

Mütter daheim ersetzen Autos… Musiktruhen und Auslandsreisen… 88|

 

* * *

 

Auf der Startseite von Frauengeschichte findet sich heute übrigens:

K a l e n d e r b l a t t
Dienstag, 1. Juli 2008

* * *

George Sand *1.7.1804 †8.6.1876, eigentlich Amandine-Aurore-Lucie Baronin de Dudevant, geb. Dupin. Sie war nicht nur die bedeutendste französische Romanschrifstellerin des 19. Jahrhunderts, sondern eine Persönlichkeit, die für sich das Recht zu einem selbstbestimmten Leben beanspruchte. In ihren Romanen schilderte sie die Auseinandersetzung kämpferischer Frauengestalten mit der Moral der bürgerlichen Gesellschaft. Ihren Zielen verlieh die Dichterin auch äußerlichen Ausdruck: Sie trug Männerkleidung, schwere Stiefel und rauchte Zigarren.

Quelle: a.a.O.

Herzlichen Glückwunsch George Sand. frauenparty

 

[ nach oben ]

Das Verschwinden der Frauen aus der Geschichte…

Als ich so durch die Ausstellung „Pyramiden – Häuser für die Ewigkeit“ schritt, fiel mein Blick auf eine seltsame Skulptur: Einsam saß ein Mann auf einem Sitzplatz für zwei. Irgendwie fehlte da doch etwas.
Als ich mir die Figur von hinten anschaute, sah ich einen Arm über seinen Rücken liegen. Nicht seinen Arm!

DSCN1653-agypten DSCN1654-agypten

Und das Info-Schild erzählte mir folgenden Hintergrund:

Statuengruppe des Senefer

Kalkstein, Giza, Altes Reich, 6. Dynastie, um 2200 v.Chr.
Hildesheim, Roemer- und Pelizaeus-Museum, Inv.-Nr. 2973
Senefer war „Untervorsteher der Arbeiter des Palastes“, ein kleiner Beamter, dessen Einkünfte aber doch für ein Grab aus Stein und für eine Grabstatue reichten. Die ursprünglich neben Senefer dargestellte Frauenfigur wurde schon in der Antike entfernt, ihr Name aus der Inschrift getilgt. Erhalten blieb nur ein Teil des rechten Arms, der auf dem Rücken des Mannes auffliegt.

Quelle: Infoschild Ausstellung „Pyramiden – Häuser für die Ewigkeit“ Palmengarten

Ich weiß, warum ich jedesmal nur müde innerlich lächele, wenn mir der Satz entgegen fliegt:
„Frauen kommen doch gar nicht in der Geschichte vor!“
oder
„Sie haben nichts Großartiges geleistet!“

Geschichte wird geschrieben und festgehalten von den Mächtigen.


Infos zur besonderen Stellung der Frau im alten Ägypten