Mark Millar: Superior. Eine Geschichte mit Multiple Sklerose

Simon Pooni ist 12 Jahre alt. Simon hat Multiple Sklerose. Er war mal ganz groß im Basketball und wurde von den MitschülerInnen gemocht und anerkannt. Jetzt muss er sich auf Krücken oder dem Rollstuhl fortbewegen. Er wird von Schulkameraden gehänselt. Und ist deshalb in dieser Sitution anfällig, als ihm eine ungewöhnliche Wunscherfüllung angeboten wird. Dieser Wunsch wird ihm auch gleich erfüllt: er wird zum allmächtigen Superhelden Superior. Doch dieses Geschenk geschieht mit einem Hintergedanken des Schenkenden, einem sich als Affe mit Raumfahrtanzug präsentierendem mysteriösem Wesen. Warum Simon das Geschenk erhält, soll er in einer Woche erfahren. Und so lernt Simon zusammen mit seinem besten Freund, Chris, mit den neuen Kräften umzugehen, um dann die Woche über überall zu helfen, wo Hilfe benötigt wird. Sogar in Afghanistan schafft er Ordnung. Am Ende der Woche erfährt Simon die Hintergründe für die besondere Gabe. Es kommt zum großen Showdown mit einer epischen Schlacht und einem Happy End der besonderen Art.

Gedanken zum Comic

Der Anfang der Geschichte ist großartig. Mysteriös. Vielleicht ein bisschen bekannt durch den Film Big mit Tom Hanks. Aber es ist anders. Der erste Band hält diese Spannung beim Lesen gut aufrecht. Beim zweiten Band hatte ich unentwegt das Gefühl, dass ein Kind angesprochen werden soll. Dass die Lösung kindgerecht sein soll. Schließlich ist Multiple Sklerose keine Krankheit, die geheilt werden kann.

Millar ist sonst recht deftig und blutrünstig in seinen Geschichten. Dies ist in Superior nicht der Fall: Simon will als Superior tatsächlich der sein, wie der Charakter in Comic, Film etc. gedacht ist. Jedoch ist mir aufgefallen, dass Millar andere Klischees bedient, als es um die Darstellung des Gegners von Superior geht. Dieser ist auch ein Junge, der vom Affen besucht worden war und Kräfte erhielt. Das Umfeld von Sharpie, z.B. sind in Unterwäsche vor dem TV sitzende recht unschöne Eltern zu sehen, führt natürlich dazu, dass er nur böse werden kann.

Nun ja, ich muss dennoch sagen, die Geschichte ist okay.
Und das Ende hat was, was mir gefällt. Deshalb kann ich dem Autor Mark Millar hierbei zustimmen:

MARK: Even if his body does continue to get sick, it’s kind of about coming to terms with it almost, in a way that he wasn’t at the beginning. And he inspires other people by being Superior, but in turn that inspires him to be able to handle the hand he’s been given. Quelle: beliefnet.com Mark Millar: God and Comics

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Aufgefallen:
Im Gegensatz zur deutschen Ausgabe hat der englisch-sprachige Sammelband einen Hinweis auf die MS Society.
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superior1Superior, Bd. 1
Autor: Mark Millar
Zeichner: Leinil Yu
Broschiert: 100 Seiten
Verlag: Panini Manga und Comic (10. April 2012)
Sprache: Deutsch

 

superior2Superior, Bd. 2
Autor: Mark Millar
Zeichner: Leinil Yu
Broschiert: 104 Seiten
Verlag: Panini Manga und Comic (17. September 2012)
Sprache: Deutsch


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Zum Comic

Kinder und Multiple Sklerose

Behinderte. Comics.

Morgen ist Welt-MS-Tag.

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Hm. Wenn ich so überlege, sind behinderte, verkrüppelte, andersfähige Charaktere verschwunden aus den Superheldencomics oder sie werden/wurden vergessen. Oder sie erhalten eine plötzliche wunderbare Heilung.

Zu meiner Zeit war Thors Alter Ego Dr. Don Blake. Dieser muss am Gehstock gehen, bevor er sich mithilfe dieses Gehstocks in Thor verwandelt. Der Gehstock war nun die Wunderwaffe Mjolnir.
Diese Verwandlung ist in den präsenten Geschichten verschwunden.
Thor ist Thor. Mächtig und ohne Fehl.

Dann gab es das Drama um Barbara Gordon. Diese wurde vom Joker niedergeschossen. Sie ist seitdem querschnittsgelähmt. Sie konnte zwar nicht mehr als Batgirl auf der Straße für Recht und Ordnung schaffen, aber sie fand einen anderen Weg: sie wurde die mysteriöse Oracle, die mit Computern umgehen konnte wie lange keine(r) nach ihr. Sie konnte die anderen Heldinnen und Helden weitbringend unterstützen.
Lähmung ist nun weg.
Sie wurde auch „geheilt“.

Dann gab es diesen Stummen bei den Teen Titans: Joseph William Wilson. Seine Kraft ist, dass er via Augenkontakt eine Person übernehmen kann und durch sie handeln und SPRECHEN kann.
Er taucht anscheinend immer mal wieder in den Comics auf.
Der Charakter ist jedoch nicht so bekannt.

Dann gibt es Matt Murdock. Blind. Und besser bekannt als Daredevil.
Seine Blindheit ist seine Stärke.

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Durch den Comicstammtisch in Frankfurt erfuhr ich von Superior von Mark Millar.
Erstens sollte ich mal wieder hin zum Stammtisch.
Und zweitens sollte ich auch endlich das Comic lesen.

Mir war nicht so klar, dass das Kind, das sich in der Story Superkräfte wünscht und erhält, an Multiple-Sklerose erkrankt war. Das erfuhr ich erst über diesen Artikel „Kick-Ass-Regisseur Matthew Vaughn verfilmt Mark Millars Superior“ auf moviepilot.de.

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Multiple Sklerose. Als ich mich darüber im Internet informieren wollte, fand ich neben o.g. Artikel zur Verfilmung von Millars Superior einen Artikel über Phil Hubbe.

Unterdessen sind vier Bände seiner Behinderte Cartoons erschienen.

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Hm.

Im Artikel „Ein Tag, eine Community, ein Ziel: eine Welt ohne Multiple Sklerose“ auf der Webseite des DMSG – Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V. wird um Mitteilung von Mut-/Mitmachaktionen gebeten:

Zeigen Sie der Welt – wie sie leben und was Ihnen Kraft gibt. Wir sind gespannt auf Ihre Ideen! Bitte mailen Sie uns Bilder und Filme von Ihren Aktionen an dmsg@dmsg.de!

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Morgen ist Welt-MS-Tag.

Crisis on Infinite Earths

Hörbücher mit Comicgeschichten seien das Gegenteil von Comics meinte lächelnd eine Freundin über das Vernehmen meines neuen Genusses, Hörspiele, Hörbücher mit Geschichten aus der Comicwelt zu lauschen. Ich war über diese Aussage zuerst irritiert.
Ja, es fehlen die Bilder, die Zeichnungen…
Aber es sind die Geschichten, die mich Comics lesen lassen. Geschichten, die mich von Comics entfernen oder auch wieder nähern lassen.

Also.
Die Tage Crisis on Infinite Earths angehört.
Genial gemacht.
Das Comic selbst ist chaotisch. Ja, es ist nachvollziehbar, wohin es gehen soll: Eine Erde, weniger Superheldinnen und -helden. Aber es ist chaotisch.
Das Hörspiel hat die Inhalte sortiert und es auf eine Person – in der Hauptsache – zugeschnitten: Barry Allen, der Flash. Durch diese Fokusierung macht die Geschichte nun mehr Sinn. Es werden bessere Erklärungen gegeben etc. Die Geschichte ist einfach runder. Auch der Schluss wurde dem angepasst.

Es gibt einen auktorialen, also allwissenden Erzähler. Teile der Geschichte werden aus der Sicht von einzelnen Superheldinnen oder auch Superschurken erzählt. Und immer wieder ist Barry Allen dabei, die Geschichte voranzutreiben.
Dass ich Barry Allen persönlich sehr mag, davon erzählt eine andere Geschichte.

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Was mir besonders gut bei diesen Hörspielen von GraphicAudio gefällt, ist der Einsatz eines Erzählers. Für das Hörspiel wird sich nicht Wort für Wort an die Comic-Vorlage gehalten. Teile der Comic-Geschichte werden exzerpiert, manche Momente anderen Figuren zugewiesen. Jedoch erfolgt die Bearbeitung immer so, dass die Teile der Geschichten zueinander passen und stimmig werden.
Ich kenne andere Comic-Hörspielproduktionen, z.B. von BBC, die mich eher verwirrten, weil sie zwischendurch nicht erklärten, wo sich die Protagonistinnen gerade befanden.

Für mich waren es sieben Stunden absoluter Hörgenuss.
Und wieder habe ich Zugang zu einem der Crisis-Themen von DC erhalten.


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Meine Urlaubslektüre: Drei Comics, die über den Nahen Osten berichten

Für mich ersetzen Comics vorzüglich persönliche Reiseerfahrungen. Dieses Jahr verschlug es mich in den nahen Osten und ich fand drei Comics, die darüber berichten:

Palästina CoverPalästina
Joe Sacco (Autor)
Waltraud Götting (Übersetzerin)
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek;
Auflage: 1 (12. März 2011)
Sprache: Deutsch

Ich las das Comic als letztes von den dreien. Auch weil der Zeichenstil in schwarz-weiß mich erstmals davon fernhielt. Stellte aber schnell bei der Lektüre fest, dass die überzogene Abstraktion absolut zum Thema passte.

Sacco schreibt im Vorwort zur o.g. Ausgabe, dass er im Winter 1991/1992 für etwa zweieinhalb Monate nach Israel und die besetzten Gebiete reiste. Im Comic ist nachzuvollziehen, wie er diverse Kontakte vor Ort nutzte, die ihm einerseits als Übersetzer dienten, die ihm aber auch ein Obdacht während des Aufenthalts, die er für die Interviews brauchte, boten.

Ich stellte mir während des Lesens immer mal wieder die Frage, ob sich schon etwas an der Situation in Palästina geändert habe… Nun, ich durfte die Tage feststellen, dass das Comic von 1993 immer noch zu Teilen aktuell ist.

israel-verstehenIsrael verstehen – in 60 Tagen oder weniger
Sarah Glidden (Autorin)
Gerline Althoff (Übersetzerin)
Gebundene Ausgabe: 206 Seiten
Verlag: Panini Manga und Comic;
Auflage: 1 (21. Juni 2011)
Sprache: Deutsch

Ich las das Comic als erstes von den dreien. Die Zeichnungen sind sehr gefällig. Die Farbgebung lässt die Leserin ein Gefühl für die Umgebung bekommen.

Glidden nimmt uns im Comic mit auf ihre Birthright-Tour über die Golanhöhen, Kinneret oder See Genezareth, Tel Aviv, in die Wüste und nach Jerusalem. Von so einer besonderen Tour für junge Jüdinnen und Juden hatte ich noch nie gehört. Hier gibt es noch eine Beschreibung Gratis ins Gelobte Land zur Tour.
Es gibt pro und cons zur Tour. Ich hatte beim Lesen des Comics nicht den Eindruck, dass Glidden einseitig alles annimmt, was während der Tour von der Reiseleitung vorgetragen wurde.
Das Comic ist 2009/2010 entstanden – wenn ich so mal mutmaße. Glidden schreibt als Anmerkung im Comic, dass es auf jeden Fall erst nach ihrer Reise entstanden ist.
Zusätzlich gut gefallen hat mir das Glossar, die Bibliographie sowie die Zeitachse zur Geschichte Israels, die hinten im Comic angefügt sind. Gibt ein bisschen Orientierung bei all den unterschiedlichen Bezeichnungen und historischen Vorgaben.

jerusalemAufzeichnungen aus Jerusalem
Guy Delisle (Autor)
Martin Budde (Übersetzer)
Broschiert: 336 Seiten
Verlag: Reprodukt;
Auflage: 1 (15. März 2012)
Sprache: Deutsch

Dieses Comic las ich als zweites von den dreien. Die Zeichnungen sind einfach, abstrakt und immer wieder gut getroffen. Es gibt keine Coloration. Guy Delisle besondere Rolle im Comic ist die eines begleitenden Ehemanns seiner Frau, die für ein Jahr im Ausland als Sachbearbeiterin für eine Hilfsorganisation arbeitet. Er kümmert sich um den Haushalt während des Aufenthalts im muslimischen Teil von Jerusalem und die beiden Kinder. Gleichzeitig ist er immer mal mit Ausflügen unterwegs.
Bei seinen Geschichten musste ich häufiger schmunzeln, über die Merkwürdigkeiten des Lebens in Israel und insbesondere in Jerusalem. Wobei nach dem Schmunzeln das Aha-Moment auftaucht und ein Kopfschütteln, dass es so sein muss. Delisles Abstand (er ist religionslos und Kanadier) macht das Beobachten des Lebens im Land möglich.
Ich nehme an, das Comic ist 2011 entstanden.

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Warum bemühe ich mich jeweils, die Entstehungszeit herauszufinden? Alle drei Comics sind persönliche Darstellungen von Comic-Kunstschaffenden. Es werden „Land und Leute“ beschrieben, etwas, was sich im Laufe der Zeit auch verändern kann. Von daher finde ich, ist es wichtig zu wissen, wann das Comic entstanden ist. Nur Joe Sacco berichtete in seinem Vorwort von seinen Reiseplanungen.

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Ansonsten hat mir bei allen drei Comic-Varianten die persönliche Sicht gefallen. Die Art und Weise des Erzählens ist bei allen drei Comics sehr ähnlich: Kapitel, die besondere Punkte kennzeichneten.

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Alle drei Comics werden mich bestimmt wieder in den Nahen Osten entführen, denn sie sind sehr amüsant, kurzweilig und informativ.

Verweise auf große Comic-Ereignisse oder so…

Spannend, nächste Woche geht es in Deutschland los: die neue Comic-Verfilmung von Christopher Nolan über Batman wird in den Kinos erscheinen. Überraschend – okay Kinostart in USA ist am Freitag – fand sich heute schon ein paar Nachrichten dazu.

Nachrichten zu „The Dark Knight Rises“

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Die Geschichten um Batwoman entwickeln sich weiter…

Batwoman verpartnert sich mit Wonder Woman oder so

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Relaunch DC

Verloren auf der Suche nach Alison Bechdels "Are You My Mother?"

Es ist schon länger her, dass ich auf Twitter verhalten über das Comic vermerkte:

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are-you-my-motherAre You My Mother?: A Comic Drama
Autorin: Alison Bechdel
Gebundene Ausgabe: 286 Seiten
Verlag: Houghton Mifflin (Mai 2012)
Sprache: Englisch

Alison Bechdel war für mich immer als Autorin gut, die witzige Comics (Dykes to watch out for) zeichnete, aber auch tiefsinnige Comics (Fun Home) machen konnte. Deshalb wunderte es mich, wie schwer mir das Lesen des Comics „Are You My Mother?“ fiel.
Gleich zu Beginn der Lektüre fiel mir auf, dass das Comic nicht in einer zeitlichen Linie erzählt wurde. Es hatte sehr viele Zeitsprünge: Kindheit, Gegenwart, weitere Vergangenheit, kürzere Vergangenheit – hin und zurück und wieder da. Zusätzlich tauchen viele Personen auf. Zwar gibt Bechdel bereits am Anfang des Comics >Eine kleine Übersicht, aber das Chaos bleibt dennoch:

  • Da gibt es einen über allem thematisch schwebenden Kinder-Therapeuten Winnicott.
  • Auch Freuds Ideen tauchen auf.
  • Es gibt einige Therapeutinnen, die wichtigsten haben Namen: Jocelyn und Carol. Dennoch durch das hin und her in den Zeitsprüngen und den nicht immer eindeutig benannten Figuren in den Zeichnungen, war ich mir manchmal nicht mehr sicher, welche Therapeutin vor Alison saß.
  • Süß finde ich die Beschreibung ihrer Beziehungen als „romantic attachments“ (romantische Anhänge): einige werden nur mit einem Buchstaben gekennzeichnet, andere benannt – Eloise, Amy und Holly.

Ja, Therapie und Therapeutinnen sind ein großes Thema im Comic: Ich las viel über Donald Winnicott, sein Leben und sein Lebenswerk, das sich um Kinderpsychologie drehte. Und las Zitate aus Alice Millers Buch Das Drama des begabten Kindes.

Mit Virginia Woolfs „To the Lighthouse“ wurde das Verhältnis von Eltern zu Kindern respektive erwachsenen Kindern zu ihren Eltern auf die Literaturebene gespiegelt. Weiter gespiegelt wurde die von der Tochter verehrte große Autorin Virginia Woolf in Sylvia Plath, eine Autorin, über die Alisons Mutter gerne rezensiert hätte. Ja, Spiegelungen psychologischer Natur sind ein wichtiges Thema im Comic.

Kurz, um es mit Laura Miller zu sagen, mir erging es genau so:

There’s a bit too much therapy in Are You My Mother?. Psychology boils away the particulars of individual experience to arrive at abstract generalities. It may get at the same truths that art does, but the trip isn’t nearly as much fun.

Laura Miller auf The Guardian: Are You My Mother? by Alison Bechdel – review. A furiously literary memoir from the ‚lesbian Woody Allen‘

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Muss „Fun Home“ zuvor gelesen werden? Viele Rezensierende erzählen davon, dass „Are You My Mother?“ ein Sequel von „Fun Home“ sei. Mein Gefühl beim Lesen war, nein, „Fun Home“ muss nicht wirklich vorher gelesen werden. Es ist spannend zu lesen, welche Auswirkung Alisons Schreiben von „Fun Home“ auf die Dynamik von Mutter und Tochter hat.
Und vielleicht ist es spannend, „Fun Home“ zuvor zu lesen, weil es so gänzlich anders ist als „Are You My Mother?“. Denn:
In „Fun Home“ ist die Hauptperson, um die es geht, bereits tot.
In „Are You My Mother?“ interagiert noch alles. Es wird erklärt, beschrieben wie die Beziehungen, die Metaebene seien. Deshalb ist Katie Roiphe auch der Meinung:

This is, as Bechdel’s mother says, a “metabook.” But unlike most metabooks it isn’t tiring or draining; it’s exhilarating.

Quelle: KATIE ROIPHE auf The New York Times Drawn Together

Roiphe ist der Meinung, dass diese Metaebenen eben nicht ermüdend (tiring) seien.
Hm. Ich kann dem nicht so ohne Weiteres zustimmen. Derzeit fühle ich mich mit dem Inhalt eher auf verlorenem Posten bei der Suche nach einem mich gut unterhaltendem Comic. Mir war es zuviel Psycho…
Dennoch, die Chance mich zu berauschen (exhilarate) gebe ich dem Comic noch, wenn es auf deutsch herauskommen wird…


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Der Titel von Alison Bechdels neuestem Comic nimmt Anleihen an einem Kinderbuch. Für die, die ich es nicht kennen, hier wird das Kinderbuch „Are You My Mother?“ geschrieben von P.D Eastman vorgelesen von Beverly Berwick:

Stiche. Erinnerungen von David Small

Stiche Comic-CoverStiche. Erinnerungen
David Small
Taschenbuch: 328 Seiten
Verlag: Carlsen Verlag GmbH
Sprache: Deutsch

Diesen Comic-Tipp erhielt ich wieder durch den Besuch des Comic-Stammtisches.
Und ich kaufte es mir, als ich im Comic-Laden darin blättern konnte. Ich kaufte es auch, weil ich entdeckte, dass es nicht nur schön erzählt und gezeichnet ist, sondern dass es noch einen Nebenschauplatz hat, der mich insbesondere interessiert…

Inhalt

David Small, der Comic-Autor, ist 1945 geboren. Das Comic erzählt von seiner Kindheit und setzt ein, als David sechs Jahre alt ist. Er ist immer wieder krank. Sein Vater, Ed, Arzt in einem Krankenhaus, behandelt ihn regelmäßig mit Röntgenstrahlen.

Mit elf lernt er eine andere Seite seiner Mutter, Betty, kennen. Diese ist sonst eher mürrisch schweigend. Aber “(…) an diesen verzauberten Bridgeclub-Abenden geschah etwas mit meiner Mutter.” (S. 113)

An einem dieser Abende entdeckt bei der Abschiedszene Mrs Dillon eine Wucherung an seinem Hals.

Da es im Haushalt an Geld mangelt, wird eine „zufällige“ Untersuchung auf einem Bootsausflug arrangiert. Es sei eine Talgzyste, die operativ entfernt werden sollte. Jedoch wird die Operation verschoben, weil die Eltern mit dem Geld der Beförderung von Ed erst mal an ein neues Auto und Möbel denken.

Mit 14, „Dreieinhalb Jahre nach der ersten Diagnose“ wird David endlich operiert. Nach der ersten in der Nacht vor der zweiten Operation besucht ihn seine Mutter. Sie gewährt ihm eine Bitte, dass er alles haben könne, was er wolle. Er forderte von ihr das Buch “ Lolita“, dass sie in einer Säuberungsaktion lautstark verbrannt hatte.

Bei dieser Operation wird ein Stimmband zerstört. Am Tisch schweigt nun die ganze Familie. Sie reden zwar nicht miteinander, aber sie machen Lärm mit Trommeln, Geschirrklirren und Schränkeklappen.

Symptomatisch zu diesem Schweigen ist, niemand erzählt David, dass er Krebs hatte. Durch Zufall findet er es heraus und kann nun verstehen, warum am nächsten Morgen nach der zweiten Operation das Buch „Lolita“ verschwunden war. Die Aussichten, dass er den Krebs überleben würde, waren nun gegeben. Später durch eine Therapie findet David zu sich und seinen Gefühlen. Mit 16 verlässt er sein Elternhaus.

Resümee

„Stiche“ sind die Narbenstiche, aber auch die Stiche, die David in der Familie spürt. Auch könnten die Stiche andeuten, dass die Familie nur notgedrungen mit groben Stichen, so wie seine Wunde nach der Operation vernäht wurde, zusammengehalten wird.

Das Comic ist flüssig erzählt mit sehr schönen Zeichnungen. Davids Gefühle werden eindrücklich dargestellt mit wunderbar skizzierten Traumsequenzen. Oder mit Gleichsetzungen als er in der Therapie das erste mal trauert und weint, weint die ganze Welt um ihn herum.

Eine Stimme zu haben ist nicht gleichbedeutend, das Wichtige zu sagen. Als David schon erwachsen ist, gesteht ihm sein Vater seine „Schuld“ ein: Dass er wahrscheinlich durch das dauernde Röntgen, das in den 50er Jahren Usus war, den Krebs bei David hervorgerufen hat. Der Vater hatte darüber immer geschwiegen.

David lernt aber auch die Macht der Stimme kennen: mensch ist in einer sprechenden und hörenden Gesellschaft ohne Stimme nicht vorhanden. Er findet aber einen Weg, um sich anders auszudrücken und bemerkbar zu machen: die Kunst.

Faszinierend an diesem Moment der Stimmlosigkeit ist, was passiert, als der erwachsene David zu seiner im Sterben liegenden Mutter im Krankenhaus fährt, um sich von ihr zu verabschieden. Auf dem Weg zu ihr schreit er im Auto, weil das die Stimmbänder kräftige. Als er ankommt, hat er seine Stimme verloren. Da seine Mutter aber intubiert ist und deshalb auch nicht sprechen kann, nehmen sie schweigend voneinander Abschied. Bei diesen Zeichnungen hat mensch das erste mal das Gefühl, sie sprechen miteinander.

Nebenschauplatz

Eines nachmittags kam David früher als erwartet nach Hause. Er ruft nach seiner Mutter. Erhält aber keine Antwort. Er geht suchend durch das Haus und hört Richtung Schlafzimmer ein Kichern. Als er die Tür öffnet, findet er seine Mutter mit Mrs Dillon vor. Seine Mutter war 43 Jahre alt, als er mit 15 seine Mutter mit Mrs. Dillon überraschte. Am Schluss des Buches, wo seine Familie ein bisschen mit Abbildung und Text beschrieben wird, steht folgendes:

Wenn dies hier ihre Geschichte gewesen wäre, nicht meine, wäre ihr geheimes Leben als lesbische Frau sicher näher beleuchtet worden.

Hm. Ein bisschen hoffe ich, dass David Small genau das macht, ihre Geschichte erzählen. Es würde ein gutes Comic werden.

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Stitches. Trailer zum Comic.


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Scarlet. Kinder der Revolution

scarlet_cover Scarlet. Kinder der Revolution
Brian Michael Bendis und Alex Maleev
Broschiert: 144 Seiten
Verlag: Panini Manga und Comic (11. Januar 2012)
Sprache: Deutsch

Und wieder einmal war es das Cover, das mich für dieses Comic aufmerken ließ. Ich entdeckte es in irgendeinem der amerikanischen Comic-Blogs, die ich so hin und wieder – unterdessen unregelmäßiger (es gibt so viele gute deutschsprachige Comic-Blogs und Rezensionen in Online-Zeitungen, dass ich meine Quellenwahl anpasste) – lese.

Da steht eine junge rothaarige Frau, blickt dir in die Augen und hält zwei Handfeuerwaffen auf dich gerichtet.
Tough.

Dass Bendis und Maleev hier am Werk sind, tat noch ein Übriges. Ich mag die Kombination dieser beiden Künstler. Die Erzählweise von Brian Michael Bendis und die Umsetzung und Darstellungsweise von Alex Maleev ist Comic-Kunst, wie ich sie liebe.
  Zum Inhalt

Scarlet ist eine gewöhnliche junge Frau, die ganz gewöhnliche Erfahrungen während des Erwachsenwerdens macht. Bis sie ihren Freund Gabriel trifft. Die große Liebe ihres Lebens. Mit Gabriel hat sie Spaß, zieht durch die Straßen. Und gelangt an korrupte Polizisten. Sie weiß nicht, dass diese korrupt sind und einfach nur Opfer suchen, um ihre eigenen Taten zu vertuschen.

Scarlet erzählt dir ihre Geschichte. Wie alles dazu kam, dass sie gleich zu Beginn der Geschichte einen Cop stranguliert. Sie schaut dich an. Ihr ist Böses widerfahren. Ihr Freund wurde getötet. Sie bekommt heraus, dass es korrupte Polizisten waren, die ihn töteten. Sie weiß zuviel und muss untertauchen. Sie kommt bei Freunden unter. Arbeitet im Untergrund, zettelt etwas an.

Resümee

Scarlet. Kinder der Revolution hat das geliefert, was ich von diesen Künstlern erwartete. Bingo. Hat mir sehr gut gefallen von der Erzählweise und den Zeichnungen.


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Online Leseprobe auf mycomics.de

"Steam Noir: Das Kupferherz 1" – Sapperlot! Was für ein Comic!

SteamNoir1Steam Noir: Das Kupferherz 1
Felix Mertikat, Benjamin Schreuder
Gebundene Ausgabe: 64 Seiten
Verlag: Cross Cult; Auflage: 1., Aufl. (Oktober 2011)
Sprache: Deutsch

Sapperlot! Der erste Band von Steam Noir: Das Kupferherz war gut. Aufgefallen ist mir gleich dieser älteste Trick der Comic-Branche: Finde einen Slogan, Begriff der für eine Person steht, um den Wiedererkennungswert herzustellen: „Auf! Auf! Und davon!“ – „Rächer! Versammeln“ Das hat schon mal geklappt. Sapperlot! Hat mir gefallen, als das „Sapperlot!“ des Herrn Lerchenwald auftauchte im Comic.

Es ist eine ganz andere Welt, in der Heinrich Lerchenwald zusammen mit Frau D. und Richard Hirschmann, einem Polizisten-Cyborg in einem Totenfall ermitteln muss. Es geht um die Anwesenheit von Seelen auf Landsberg. Seelen, die eine Gefahr für die Lebenden darstellen. Die aber auch Zeugen eines eventuellen Mordfalls gewesen sein können. Trotz aller Warnungen lässt Lerchenwald nicht davon ab, nach diesen Seelen zu suchen, um mit ihnen zu sprechen, anstatt sie einzufangen und für die Evakuierung an einen anderen Ort fertig zu machen. Die Begegnung mit diesen Seelen führt zu körperlichen Veränderungen und ist von daher äußerst gefährlich. Aber Gefahr ist relativ.

Die Charaktere sind klar gezeichnet. Auch wenn es Lerchenwalds Perspektive ist, die in der Hauptsache die Geschichte trägt. So kommen doch auch die anderen Figuren sehr sympathisch herrüber. Landsberg, der Ort, die Welt, in der das Geschehen platziert ist, ist so wie es ist mit seinen Gegebenheiten. Es gibt Mensch-Maschinen-Verbindungen, die Geräte sind dampfgetrieben, Gebiete sind jetzt gesperrt – hatten aber eine Geschichte. Vieles hat Hintergründe, warum es so ist wie es ist. Es wird dennoch nicht viel erklärt. Die Leserin muss es so hinnehmen, denn es muss so sein wie es ist, weil es nicht anders geht. Als Leserin habe ich mich eingelassen auf diese ganz andere skurrile Welt.

Charme. Charme ist das Wort, das mir bei diesem Werk immer wieder einfällt. Zeichner und Autoren haben sich etwas sehr Nettes einfallen lassen. Und hätte die Geschichte nicht unvermittelt ein Ende gehabt – schließlich ist das der erste Band, der zweite Band wird folgen-, hätte ich einfach weitergelesen.


In 3sat wurde das Comic vorgestellt


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Steam Noir die Webseite
Leseprobe des Comic