Vortrag von Luise F. Pusch zu "Sprache und Gerechtigkeit. Die Eier des Staatsoberhaupts…"

Vor fast auf den Tag genau 19 Jahren habe ich das letzte Mal einen Vortrag von Frau Pusch miterleben dürfen. Es war der 12. Dezember 1990 und Frau Prof. Dr. Luise F. Pusch las Glossen und sprach über Judith Offenbachs Buch „Sonja“ in der Frankfurter Frauenschule.

Deshalb freute ich mich sehr, als letzte Woche, am Mittwoch, den 09.12.2009 Prof. Dr. Luise F. Pusch im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt am Main zum Thema „Sprache und Gerechtigkeit. Die Eier des Staatsoberhaupts…“ referierte.

Eingeleitet in die Veranstaltung hat Angelika Förg, Mitglied im Förderverein für das EVAngelische Frauenbegegnungszentrum, die die Veranstaltung organisierten. Auch Sonja Ritz, gleichfalls im Förderverein, fand begrüßende Worte.

Frau Pusch begann selbst über ihre biographischen Hintergründe zu sprechen und die Glossen, die sie zwischendurch vorlas, fanden sich wie selbstverständlich in den Vortrag ein.

Die Sprachwissenschaftlerin

Gemeinsam mit Senta Trömel-Plötz begann sie 1978 in der Fachzeitschrift „Linguistische Berichte“ zur feministischen Betrachtung der Sprache zu schreiben und entdeckten dabei die Ebene der gesellschaftlichen Relevanz. Sie regten an, die Regeln der Sprache zu brechen.

Sie bildeten eine Sektion innerhalb der deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft und ihre Veranstaltung 1979 zur Sommeruni erhielt regen Zulauf auch aus dem Ausland. Damit zogen sie den Neid der Männer, deren Veranstaltungen kaum besucht wurden, auf sich.

luise-pusch-vortragZum Vortrag kamen ca. 70 bis 80 Frauen

Sie bezahlte ihr Interesse, resp. die Kritik an der Männersprache mit ihrer Karriere. Männer aus ihrer eigenen Disziplin bezeichneten sie als verrückt, weil Wissenschaft die Sprache beschreiben und nicht kritisieren solle.

Sie ist eine der wenigen, die das Heisenbergstipendium erhielt. Von den Männern wurde diese Stipendium als „Genie“stipendium bezeichnet, weil darauf zu 99,99%iger Sicherheit die Professur kam. Dennoch ist sie auch die einzige, die keine Professur danach erhielt.

Und so entdeckte sie ihre humoristische Seite. Ihre Texte seien didaktisch satirisch, was beim Thema Männersprache auch naheläge. 😉

Das Deutsche als Männersprache, ihr erstes Buch wäre sehr populär. Die Popularität zeige sich auch z.B. in der Auflagenhöhe: 100.000 vs. 250 ihrer Habilschrift über das lateinische Gerundivum.

Feministische Biographieforschung

1988 gab sie das erste Mal den Kalender „Berühmte Frauen“ heraus, in dem für jeden Tag eine Frau mit einem Jubiläum aufgeführt wurde. Die Idee kam ihr, als 1982 Goethe und auch James Joyce befeiert wurden. Dabei hätten die Frauen dagegen halten können, weil z.B. Virginia Woolf ihren 100. Geburtstag 1982 feierte. Aber davon wusste keine oder zu wenige.

Sie berichtete, dass der Rundfunk sich aus einer Liste von Jubiläen herausgegeben vom Deike-Verlag, Konstanz, bediente, wenn die Redakteure sich auf ihren Radio-Einsatz vorbereiteten. Und natürlich sind darin nur eine Handvoll Frauen verzeichnet. Deshalb belieferte sie die Radiosender mit Listen von Daten zu Jubiliarinnen und bastelt so an der feministischen Infrastruktur.

Auf ihrer Webseite fembio.org sind 650 von insgesamt 1.400 Biographien online abrufbar. Es gäbe 250 Merkmale/ Fragestellungen nach denen gesucht werden könne, z.B. Nobelpreise, Schwester, Mütter, Katzenbesitzerinnen.

Im März 2010 wird ein zweiter Teil zu „berühmte Frauen und ihre Freundinnen“ erscheinen.

Weibliche Genialität

Für das Buch „WahnsinnsFrauen“ hatte sie festgestellt, dass wenn Genialität nicht ausgelebt werden könne, würden die Frauen wahnsinnig. Und tatsächlich viele „Genie“männer hätten wahnsinnige Schwestern.

Passend hierzu las sie die noch online auf ihrem Blog stehende Glosse Müller, Schmidt und Co. Frauen räumen ab.
Hinweis: Frau Pusch erklärte, dass die Blogtexte von der Webseite entfernt würden, sobald sie innerhalb eines Buches veröffentlicht werden.

Umgang mit Sprache auf dem Weg zu einer gerechteren Sprache

Auf die Frage aus dem Publikum, wie mit der Sprache umzugehen sei, damit diese gerechter würde, bot sie die DNA-Lösung an:

  • Doppelform (Differenzierung), z.B. Koch – Köchin
  • Neutralisierung, z.B. Studierende
  • Abstraktion: statt der Dekan, das Dekanat, statt der Regisseur, Regie

Aber es sei auch eine nette Lösung das umfassende Femininum zu verwenden. Männer seien herzlich mitgemeint. In „Lehrerinnen“ sei der Lehrer ja mitdabei. Das Wort selbst (Lehrer) sei die „Kümmerform“ von Lehrerin; bekannt aus der Genetik: XY ist die Kümmerform zu XX.

1979 (1980) machte sie an der Berliner Sommeruni den „verrückten Pusch-Vorschlag“ die Endung –in abzuschaffen und das Neutrum einzuführen. Schließlich gäbe es im Englischen auch nur das „the“ als Artikel.
Ein Ausschreibungstext könnte dann wie folgt heißen:
„Gesucht wird ein Professor, das sich in feministischer Theorie auskennt.“

Der Vorschlag kam nicht so wirklich an. Auf ihrer Webseite unter „Empfehlungen“ hätte sie Matthias Behlert eingefügt, der zu entpatrifiziertem Deutsch (Eine Idee bezüglich Stammformen) schreibe.

Derzeit schreibe sie Glossen zu „Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar“. Dies wird wahrscheinlich als Buch herauskommen mit 50 Lektionen.

Schlussendlich gehe es ihr darum, dass die Sprache gerecht sei und bequem. Derzeit sei sie leider nur bequem.

Angelika Förg beschloss die Veranstaltung mit der Bemerkung, die vorgelesenen Glossen seien noch immer sehr aktuell. Sie hält kurz inne und fährt dann fort: „Was aber traurig ist.“

Schmankerl

Was „Die Eier des Staatsoberhaupts“ angeht, so dürft ihr euch in gleichnamigen Buch und Glosse gerne selber schlau machen. ;D


Weitere Infos

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2 Kommentare zu “Vortrag von Luise F. Pusch zu "Sprache und Gerechtigkeit. Die Eier des Staatsoberhaupts…"

    • Gern geschehen. 🙂

      War ein sehr schönes Ereignis.
      Hätte dir, euch, wahrscheinlich auch sehr viel Spaß gemacht.
      Hab an dem Abend gelernt, dass „Mitglied“ ein Neutrum ist und es für beide Geschlechter gilt.

      Mein größtes Problem zur Veranstaltung war, dass ich meine Digi-Cam zuhause vergessen hatte und nur das Handy dabei hatte.
      Nun ja, das war eine Lernerfahrung in den letzten Tagen: jetzt weiß ich wie Bluetooth funktioniert, aber das Handy kann keine Bilder damit versenden. Und ich weiß nun, wie MMS geht. Deshalb habe ich schlussendlich die Bilder dann doch „runter“bekommen. :wave:

      Hab noch Namen von Herrn Behlert im Text ändern müssen und angegeben, dass im März ein neuer Band zu berühmte Frauenpaare erscheinen wird.

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